Geduld, Pilze und das, was wir verlernt haben
- Diana Horvat
- 3. März
- 4 Min. Lesezeit
Seit ein paar Wochen wachsen bei mir Pilze in der Wohnung. Hericium, Shiitake, Kräuterseitlinge. Und ein Limonenpilz, der es nicht geschafft hat. Er ist noch vor dem ersten Fruchten verschimmelt.
Ich habe mich kurz geärgert und dann gemerkt, wie absurd dieser Impuls eigentlich war. Warum erwarte ich, dass ein lebender Organismus nach meinem Zeitplan funktioniert?
Vielleicht ist genau das das größere Thema.
Wir leben in einer Zeit, in der wir alles sofort wollen. Wenn wir etwas beschließen, dann soll es morgen da sein. Wenn wir uns vornehmen, gesünder zu leben, dann erwarten wir nächste Woche sichtbare Ergebnisse. Wenn wir trainieren, wollen wir schneller Muskeln. Wenn wir weniger essen, wollen wir sofort leichter sein. Wenn wir ein Ziel definieren, möchten wir den Erfolg per Expresslieferung.
Amazon Prime hat uns nicht nur Pakete schneller geliefert – sondern unsere Geduld reduziert.
Aber die Biologie funktioniert nicht in 24-Stunden-Intervallen. Sie funktioniert in Zyklen.

Wo haben wir das Vertrauen verloren?
Ich frage mich oft, wann wir aufgehört haben, Prozessen zu vertrauen. Wann wir angefangen haben zu glauben, dass alles optimierbar, beschleunigbar und kontrollierbar sein muss.
In meiner Arbeit erlebe ich das regelmäßig. Menschen kommen in die Beratung und wünschen sich Veränderung. Ist ja vollkommen verständlich. Aber tief drinnen hoffen viele auf eine Art Hebel, einen Trick, eine schnelle Lösung. Ein Supplement, eine Methode, eine „Strategie“, die alles sofort verschiebt.
Und ich verstehe diesen Wunsch. Wir wollen Erleichterung. Wir wollen Klarheit. Wir wollen Fortschritt.
Aber der Körper denkt nicht in Tagen. Er denkt in Anpassung.
Hormone regulieren sich nicht über Nacht. Ein Darm regeneriert sich nicht in einer Woche. Ein Nervensystem beruhigt sich nicht, nur weil wir es beschlossen haben.
Veränderung braucht Wiederholung. Und Wiederholung braucht Geduld.
Vielleicht haben wir nicht nur Geduld verlernt, vielleicht haben wir auch verlernt, uns selbst zu vertrauen. Dem Prozess. Dem eigenen Körper. Dem langsamen Aufbau.
Was Pilze mir gerade beibringen
Pilze sind faszinierende Organismen. Das, was wir sehen, der Fruchtkörper, ist nur ein kleiner Teil dessen. Der eigentliche Organismus, das Myzel, wächst im Verborgenen. Unsichtbar. Still. Strukturierend.
Wochenlang passiert scheinbar nichts. Keine Show. Keine sichtbare Belohnung.
Und dann, plötzlich, fruchtet es.
Dieses „Nichts“ dazwischen ist kein Stillstand. Es ist Aufbau.
Ich ertappe mich dabei, wie ich täglich nachsehe, ob sich etwas verändert hat. Ob sich schon etwas zeigt. Ob ich Fortschritt erkenne. Und genau in diesem Moment merke ich, wie sehr ich an sichtbare Ergebnisse gewöhnt bin.
Aber die Natur funktioniert nicht nach Feedback-Mechanismen im Minutentakt. Sie funktioniert nach Bedingungen. Temperatur. Feuchtigkeit. Ruhe. Geduld.
Wenn diese stimmen, kommt das Wachstum.
Nicht schneller. Nicht langsamer. Sondern richtig.

Die Leere ist kein Versagen
Was mich an der Pilzzucht besonders fasziniert, ist nicht nur die Ernte, sondern die Zeit dazwischen. Die Phase, in der scheinbar nichts passiert. In der man nur pflegt, beobachtet, reguliert.
Diese Phase ist unbequem für einen modernen Menschen. Wir sind es gewohnt, ständig stimuliert zu werden. Scrollen. Antworten. Reagieren. Produzieren.
Aber Wachstum braucht manchmal Leere.
Vielleicht gilt das auch für uns. Für unser Nervensystem. Für unsere Hormone. Für unsere Ziele. Für unsere Entwicklung.
Nicht jede Woche muss sichtbar erfolgreich sein. Nicht jeder Monat muss eine Transformation bringen. Nicht jede Entscheidung muss sofort Ergebnisse liefern.
Manchmal ist das „Nichts“ genau das, was den Boden vorbereitet.
Geduld als biologische Intelligenz
Im Winter wird das besonders spürbar. Die Natur zieht sich zurück. Energie wird gespeichert. Wachstum verlagert sich unter die Oberfläche. Niemand erwartet im Dezember blühende Wiesen.
Und doch erwarten wir von uns selbst permanente Leistungsfähigkeit, sichtbaren Fortschritt und messbare Ergebnisse.
Vielleicht dürfen wir wieder lernen, zyklisch zu denken. Nicht nur saisonal, sondern auch persönlich.
Wenn ich eine Beratung beginne, weiß ich: Wir pflanzen Samen. Manche zeigen sich schnell, manche erst Monate später. Aber wenn die Basis stimmt: Ernährung, Nervensystem, Routinen, Vertrauen - dann kommt auch der Wachstum.
Nicht durch Druck. Sondern durch Kontinuität.
Vertrauen ist kein passiver Zustand
Vertrauen bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet, die richtigen Bedingungen zu schaffen und dann den Prozess arbeiten zu lassen.
So wie bei meinen Pilzen.
Ich kontrolliere Temperatur und Feuchtigkeit. Ich sorge für Luft. Ich halte es sauber. Aber ich ziehe nicht am Myzel, damit es schneller wächst.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Wir dürfen handeln. Wir dürfen strukturieren. Wir dürfen Entscheidungen treffen.
Aber wir dürfen auch aufhören, an uns selbst zu zerren.
Und bitte nimmt die Pilze als stake Symbolik für das Leben.

Conclusio
Ein Igel-Stachelbart wächst gerade in meiner Wohnung. Langsam. Unspektakulär. Präzise. Und jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, erinnert er mich daran, dass nicht alles sofort sichtbar sein muss, um real zu sein.
Wir sind nicht dafür gemacht, permanent im Expressmodus zu leben. Wir sind zyklische Wesen in einer zyklischen Welt.
Vielleicht ist Geduld kein Rückschritt. Vielleicht ist sie Reife.
Und vielleicht beginnt Vertrauen nicht damit, dass wir schneller werden, sondern damit, dass wir lernen, auszuhalten, dass Wachstum Zeit braucht.




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